Archiv - Januar 2009
Versetzt besetzt
Das Projekt freiraumtanz lädt zu einer Veranstaltung über das besetzte Haus in der Grevener Str. 53 in Münster ein. In der Einladung heißt es: “Die ‘Grevener 53′ (auch bekannt als ‘Versetzt’) ist seit der letzten Sylvesternacht besetzt. Grund dafür ist der ungelöste Konflikt um die umkämpfte Häuserzeile. Nachdem in den Jahren 2006 und 2007 bereits die Häuser 57 und 59 besetzt und später geräumt wurden, ist nun auch die 53 akut räumungsbedroht. Eine Besetzerin auf der Sylvesterfeier dazu: ‘Nach der Räumung im Jahr 2007 riss die Wohn- und Stadtbau die Häuser 57 und 59 unverzüglich ab. Nun stehen dort Neubauten mit teilweise erheblich teureren Mietpreisen. Wir haben die Nase voll von den Lügen der Wohn- und Stadtbau und der Untätigkeit der Verantwortlichen in Regierung und Verwaltung der Stadt Münster den Konflikt endlich zu lösen.” Näheres.
Kulturhauptstadt als Massenbetrug?
Wie den Medien zu entnehmen ist, trifft die allgemeine Finanzkrise auch die für das Jahr 2010 geplante Kulturhauptstadt-Kampangne ‘Ruhr.2010′. Manchen Kommunen steht das Wasser angesichts von Cross-Border-Reinfällen und Haushaltssperren bis zum Halse. Dabei soll Ruhr.2010, so meinen jedenfalls ihre federführenden MacherInnen, eine Art Konjunkturprogramm werden. Zwar keines, welches harte Infrastruktur wie Autobahnen etc. ins Auge fasst, sondern eben ‘weiche’ Standortfaktoren. Kurzum: Ruhr.2010 soll eine große Image-Kampange werden, welche das Ruhrgebiet europaweit als Kultur-Oase bekannt machen will. Eigentlich weiß man, wenn eine Kampagne von RWE und E.ON gesponsert wird, wie man sich zu ihr zu verhalten hat. Der Kultursektor im Allgemeinen und die Kulturhauptstadt Ruhr.2010 im Speziellen macht eine eindeutige Positionierung jedoch nicht ganz so leicht. Und das finden wir spannend: Emanzipatorische Intervention mit geballter Widersprüchlichkeit anzunehmen, statt diese mittels Schwarz-Weiß-Muster aufzulösen.
St. Petersburg – der Kampf um die Stadt
Das Mieterforum Ruhr lädt zu einer Veranstaltung mit der Stadtaktivistin und Soziologin Vesna Tomse ein. Seit fünf Jahren kämpfen auch in St. Petersburg, dem ‘Venedig des Nordens’, Stadtteilinitiativen und HäuserkämpferInnen um ‘ihre Stadt’ – das riesige barocke Stadtzentrum, das von der UNESCO 1991 zum Weltkulturerbe erklärt wurde, ist in den letzten Jahren den heftigen Angriffen von Investoren und Baufirmen ausgesetzt. Was Kriege, Revolten und eine Revolution nicht geschafft haben, gelingt nun dem Kapital: Unter den wohlwollenden Augen der Stadtregierung verschwinden Kulturdenkmäler und entstehen Luxuswohnungen und Megaprojekte. Was in Moskau keine besonderen Reaktionen hervorgerufen hat, mobilisiert in St. Petersburg eine Vielzahl von Initiativen: Keine Woche vergeht ohne Aktionen, Demonstrationen, Petitionen oder Ausstellungen. Mit ihrem Einsatz setzen sich die AktivistInnen nicht nur den Repressionen der Polizei aus, sondern auch den Angriffen von angeheuerten Helfershelfern des Kapitals. Was geschieht in St. Petersburg, wer kämpft hier gegen was und warum? Wie lassen sich die Probleme in einem weltweiten Kontext erklären, welche Mechanismen betreffen auch uns in Westeuropa? Wie sind die lokalen Kämpfe bereits miteinander verknüpft (z.B. im Netz von reclaiming spaces)? Gerade unter dem Vorzeichen einer weltweiten Krise verschärfen sich die Bedingungen für alle Kämpfe um „das Recht auf die Stadt“, für Obdachlosen- und MigrantInneninitiativen, Stadtteilgruppen, die Genossenschaftsbewegung oder autonome Zentren. Die Analyse von weltweit wirksamen Mechanismen soll Ansätze für eine neue Weltordnung zeigen, die unsere lokalen Kämpfe gegen die neoliberale Weltordnung zu verbinden vermag. Durch einen Abend der Analyse und der Diskussion führt Vesna Tomse, Stadtaktivistin und Soziologin, die in Zürich und St. Petersburg lebt und arbeitet.
Stöbern und Schenken in neuen Räumen
Nach dem Umzug des Sozialen Zentrums ins ehemalige Haus Dahlhoff in der Josephstraße 2 laden die InitiatorInnen des KostNixLadens für den 18.1.2009 in die neuen Räumen ein. Auch im neuen Jahr besteht sonntags ab 17 Uhr für jeden und jede die Möglichkeit, sich selbst und andere zu beschenken. Für 19 Uhr lädt “Food not Bombs” zum obligatorischen Gratisschmaus ins Zentrum. Neben dem gewohnten alternativen “Shopping” ohne dabei aufs Preisschild achten zu müssen, kann an diesem Tag ab 20 Uhr auch über Idee und Philosophie der Umsonstläden diskutiert werden. Nach einem Einstiegsvortrag zur Geschichte und Gegenwart der Umsonstläden - die Idee wurde schon in den 70er Jahren von San Francisco aus in alle Welt getragen - können allerlei Fragen, die unsere heutigen Konsumgewohnheiten betreffen, aufgeworfen und diskutiert werden. Für viele Menschen erscheint die Möglichkeit, in einem Laden gratis “einkaufen” zu können, immer noch paradox und stößt auf Skepsis. “Angesichts einer Marketing-Industrie, die in ihrer Werbung gern mal Produkte mit ‘0 Euro’ beziffert, um dem Kunden dann hintenrum einen 2-Jahres-Vertrag unterzujubeln, ist ein gewisser Unglaube nicht verwunderlich.”, meint Bettina Grewe, eine der InitiatorInnen. “Dabei ist der KostNixLaden lediglich ein Forum für solche Leute, die für sie persönlich nutzlos gewordene Dinge weitergeben wollen, anstatt sie wegzuwerfen und dies kommt genau den Menschen entgegen, die zum Beispiel gerade auf der Suche nach einem schicken Pullover sind” so Grewe weiter. Der brauchbare und - im Falle von Kleidungsstücken - saubere Zustand ist eine der wenigen Vorraussetzung für die Abgabe von Dingen im Laden. Im vergangenen halben Jahr konnte in vielen Gesprächen bei Kaffee oder Gratis-Abendessen ersichtlich werden, dass sich der Wert von Gebrauchsgegenständen oder Kleidung nicht allein auf das Prädikat “fabrikneu” oder einen willkürlichen preislichen Gegenwert reduzieren lässt. In praktischer Hinsicht offenbart der Laden außerdem, dass es einen schier unendlichen und ungenutzten Überfluss an Gebrauchsgütern zu geben scheint. Nach der Eröffnung des Ladens im Juni letzten Jahres war der 16 qm große Raum nach nur wenigen Wochen schon brechend gefüllt, größtenteils mit Kleidungsstücken aller Art. Auch wenn der KostNixLaden ein anhaltend großes Interesse auf sich zieht, steht die bedarfsorientierte Mitnahme immer noch nicht im Verhältnis zur massiven Abgabe von Dingen.
Soziales Zentrum Bochum, 18.1.2009, 20.00 Uhr:
Es geht auch anders - Geschichte und Gegenwart der Umsonstläden
In einer Welt in der es nur noch um kaufen und verkaufen geht, scheint der Name “KostNixLaden” irritierend zu sein. Ein Geschäft, wo man umsonst einkaufen kann scheint fragwürdig, sogar paradox. In Deutschland gibt bereits zahlreiche dieser Läden, ob im Norden wie Hamburg oder im Süden wie München. Überall sprießen sie seit der Ersteröffnung 1999 in Hamburg wie Pilze aus dem Boden. Welche Idee steckt nun hinter diesem Laden? Wie entwickelte sich diese Idee geschichtlich? Welche Weltanschauung steckt dahinter? Und vor allem welches Potential hat diese Idee? Mit diesen Fragen beschäftigt sich diese Lesung. –
